Kolumne

Lernen kann schön sein

Das klingt in deinen Ohren wahrscheinlich altbacken und unglaubwürdig. Dabei wäre die Sache wirklich einfach, aber sie wird künstlich – wie ich meine – kompliziert gemacht.
Ich habe mein ganzes Berufsleben mit Kindern verbracht und ich konnte nicht feststellen, dass Kinder sich in ihrem Wesenskern in diesen vielen Jahren verändert hätten.
Was sich allerdings dramatisch verändert hat, das sind die Bedingungen, unter denen Kinder heute aufwachsen:

  • ein rasanter Lebensrhythmus
  • zu frühe und zu viele Reize
  • hoher Leistungsdruck bereits im Vorschulalter
  • Zukunftsängste der Eltern, die sich auch bei den Kindern niederschlagen
  • viel zu wenig Zeit zum Spielen
  • verplante Tage und Wochen
  • kein oder fast kein zweckfreies Tun, alles wird einem Ertrag oder Nutzen untergeordnet
  • Kinder als Status- und Renommierobjekte
  • ständiges explizites oder implizites Ranking (kann mein Kind mehr als andere?)

Jedes Kind kann lernen und in der Grundschule will auch noch jedes Kind lernen. Das behaupten jedenfalls viele Gehirnspezialisten und ich kann das aus meiner eigenen Erfahrung nur bestätigen. Was dabei allerdings oft übersehen wird, ist, dass Lernen nicht unter allen Umständen für Kinder attraktiv ist. Vielmehr müssen bestimmte Voraussetzungen berücksichtigt oder auch geschaffen werden.

  • Da ist zunächst einmal die Lernatmosphäre. Sie muss angstfrei, bestärkend und ermutigend sein. Kinder, die befürchten, bloßgestellt zu werden, die mit der Peer Group im Klassenzimmer Probleme haben oder die glauben, den schulischen Anforderungen nicht gerecht werden zu können, sind wohl kaum in der Lage, neugierig und offen an Lerninhalte heranzugehen. Für Lehrkräfte ist es eine große Herausforderung, in täglichem Bemühen an einer fruchtbaren und für alle Kinder emutigenden Lernatmosphäre zu arbeiten und es wird sicher nicht immer gelingen, für alle Kinder optimale Voraussetzungen zu schaffen. Aber es ist schon sehr viel gewonnen, wenn Lehrkräften die immense Bedeutung bewusst ist, die diesem Thema zukommt.
  • Dann müssen Lerninhalte so aufbereitet werden, dass sie Kindern in irgendeiner Weise – vorsichtig ausgedrückt – etwas „bieten“: Das kann die Freude am gemeinsamen Tun sein, etwas inhaltlich Interessantes, etwas, das Spaß macht oder auch etwas, dessen Nutzen und Notwendigkeit den Kindern plausibel gemacht werden können. In der Schulwirklichkeit ist es leider nicht selten der Fall, dass Kinder keine Ahnung haben, warum sie etwas Eintöniges, Langweiliges und ihnen sinnlos Erscheinendes überhaupt lernen sollen.
  • Außerdem muss auch jedes Kind die Chance haben, auf seinem Level Fortschritte zu machen. Das heißt aber auch, dass jedes Kind nur mit sich selbst verglichen werden kann: Maria mit Maria, Franzi mit Franzi und Laura mit Laura. Wenn Eltern anfangen, ihre eigenen Kinder mit anderen Kindern zu vergleichen, so kommt dabei nichts Gutes heraus.
    Wenn Franzi etwas kann, was er vor einem Monat noch nicht konnte, so hat er Fortschritte gemacht. Wenn ein Kind statt 40 Fehlern im Diktat nur noch 20 Fehler macht, so ist das ein gigantischer Lernerfolg und der muss dem Kind bewusst gemacht werden.
  • Und dann muss natürlich die Lehrkraft auch professionell genug sein, um Kindern, die sich in einem Bereich schwer tun, wirkungsvolle Hilfen anbieten und die Eltern kompetent beraten können. Der platte Ratschlag: „Er (oder sie) muss eben mehr üben“, ist einer pädagogischen Fachkraft nicht würdig.

Um positive Lernvoraussetzungen und eine emotional gedeihliche Lernatmosphäre habe ich mich ein Lehrerleben lang bemüht, habe jedes Jahr und bei jeder Klasse etwas dazugelernt, bin an manchem auch gescheitert und habe manch schmerzhafte Fehler gemacht. Doch Lernen und Kinder haben nicht aufgehört, mich zu faszinieren. Deshalb ist es mir ein Anliegen, meine Erfahrungen mit allen Kolleginnen und Eltern zu teilen, die das Lernen ihrer Schüler und Kinder so gestalten und begleiten wollen, dass jedes Kind eine realistische Chance bekommt, sich zu entfalten und alles ans Tageslicht zu bringen, was in ihm steckt.