Was sagt die Wissenschaft?
Da sind sich mittlerweile so gut wie alle einig, dass das Schreiben mit der Hand weit mehr ist als einfach nur das Fixieren von Inhalten auf Papier. Tippen auf einer Tastatur ersetzt nicht das Schreiben mit der Hand – das ist ein Denkfehler, der in einigen Ländern zu einem rasanten Anstieg des funktionalen Analpabetismus geführt hat. Auch wenn nun vielerorts zurückgerudert wird – zunächst einmal ist ein immenser Schaden entstanden und die Zeche bezahlen die Schüler.
Hier sollen nur einige Stichpunkte zum Nutzen des Schreibens mit der Hand angeführt werden, die in allen Publikationen auftauchen:
- Handschreiben fördert Verständnis
- Handschreiben fördert Merkfähigkeit
- Handschreiben fördert Genauigkeit der Wahrnehmung
- Handschreiben fördert Rechtschreibsicherheit
- Handschreiben führt zu gründlicherer Auseinandersetzung mit Inhalten
Die Liste könnte noch länger sein, aber bereits die angeführten Pluspunkte müssten überzeugend genug sein, um zu verdeutlichen, dass sich Handschreiben nicht einfach durch das Tippen auf einer Tastatur ersetzen lässt.
Erstes Schreiben in Druckschrift
Das Lesenlernen soll durch Schreiben der gelernten Buchstaben begleitet werden, allerdings zunächst noch in Druckschrift. Dieses Schreiben erleichtert das Speichern und Wiedererkennen, weil visuelle Wahrnehmung und feinmotorischer Ablauf hier einander verstärkend ergänzen. Wie die ersten Schreibversuche sinnvoll angelegt werden können, dazu findest du eine ausführliche Handreichung in meinem Buch „Lesen lernen mit links“.

Schreibvorlage für das Einüben des Bewegungsablaufs

Buchstaben in Regenbogenfarben

Von der Druckschrift zur Schreibschrift
Sinnvoll ist es, mit den ersten Schwungübungen zur Vorbereitung der Schreibschrift bereits zu Beginn des zweiten Trimesters in der ersten Klasse anzufangen.
Druckbuchstaben werden einzeln aufs Papier gesetzt, eben „gedruckt“. Das bedeutet aber auch, dass die Hauptrichtung der Schreibbewegung von oben herab aufs Papier gerichtet ist. Beim verbundenen Schreiben ist die Hauptrichtung fließend von links nach rechts.
Zu langes ausschließliches Drucken von Buchstaben macht die Hand schwer, das ist bei der Schreibschrift hinderlich. Hier soll das Handgelenk leicht und beweglich den Stift über das Papier führen. Deshalb ist das frühe Arbeiten an Schreibschwüngen eine wichtige Ergänzung und – kindgemäß gestaltet – macht es den Kindern Spaß.
Flüssige Schreibschrift ruht auf drei Säulen

Neurologische Grundlagen
Flüssiges Schreiben gehört zum Schwierigsten, was unsere Feinmotorik leisten muss. Wenn es dann dabei auch noch um richtiges Schreiben geht und darum, sich sprachlich gewandt auszudrücken, dann sind wir neurologische Hochleistungssportler. Das muss bedacht werden, wenn wir Kinder an die Schreibschrift heranführen.
An den neurologischen Grundlagen können wir in der Schule durchaus wirkungsvoll arbeiten, wenn wir wissen, wie und was es dabei zu beachten gilt. Darüber, wie du die Grundlagenmauer für das Schreibenlernen errichten und festigen kannst, erfährst du alles in meinem Buch „Richtig schreiben geht natürlich“.

Ein gut aufgebauter Lehrgang
Die grundsätzliche Schreibfähigkeit ist das eine, die sichere Beherrschung der Bewegungsabläufe das andere. Und diese Bewegungsabläufe gehen nur dann in automatisierte Bewegungsabfolgen über, wenn sie gründlich und über einen entsprechend langen Zeitraum geübt werden.
Jeder versteht, dass Skifahren, Tennis oder Golf nur dann wirklich gut beherrscht werden können, wenn das ordentlich gelernt und entsprechend gründlich geübt wird. Warum nur kommen manche Leute auf die Idee, beim Schreiben würde es genügen, einfach bloß herzuzeigen „wie das geht“?
Gründlich und langfristig üben, das hört sich sehr „unsexy“ an, kann aber, wenn es mit didaktischer Sorgfalt und pädagogischem Sachverstand geplant wird, durchaus so gestaltet werden, dass es für alle Kinder machbar ist und Erfolgserlebnisse ermöglicht. Aber grundsätzlich gilt auch hier das, was für jegliches Lernen im Bereich der basalen Fähigkeiten Lesen, Schreiben und Rechnen gilt:
Nach dem Glück des Beginnens, der anfänglichen Begeisterung, müssen die Kinder durch das „Tal der Mühsal“. Diesen Weg so aufzubereiten, dass unsere Schüler durchhalten und auch immer wieder Freude am Tun empfinden, das verlangt die Kunst des Pädagogen. Nur einfach herzeigen, wie’s geht, das kann jeder Laie, dafür brauchen wir keine Fachleute.

Freude am Tun
Schreiben lernt man nur durch Schreiben, das leuchtet ein. Nun ist es wieder an uns, das notwendige Üben so zu gestalten, dass es als sinnvoll empfunden werden kann, dass es Schreibanlässe gibt, die reizvoll sind, dass in verschiedenen Kontexten geschrieben wird. Einige Möglichkeiten stelle ich hier kurz vor. Ausführliche Anregungen und Beschreibungen hierzu findest du in meinem bereits erwähnten Buch: Richtig schreiben geht natürlich.
Gemeinsames rhythmisches Schreiben

Tapetenrolle am Boden, Kinder versetzt einander gegenüber, Lehrerin sagt Schreibschwünge an, alle schreiben gemeinsam.
Rhythmisch-musikalisches Üben der Bewegungsabläufe

Rhythmisches Sprechen der Lehrerin, große Schwünge erst in der Luft, dann auf Papier
Die Rhythmisierung wird verstärkt durch eine einfache Melodie.

Briefe und Geschichten schreiben

Korrespondenz mit der Lehrerin – jeder Brief wird beantwortet.
Das meditative 10-Minuten-Schreiben
Jeder Schüler hat ein Blatt mit dem Vorlagentext, den er abschreibt. Wenn er fertig ist, beginnt er von vorne. Das Ganze dauert 10 Minuten, dazu gibt es ruhige, meditative Musik.

Diese Übung war bei allen meinen Schülern von der zweiten bis zur vierten Klasse sehr beliebt. Hier wird nicht „performt“, sondern jedes Kind kann sich in Ruhe, ohne Zeitdruck und in seinem eigenen Tempo in die Arbeit versenken.
Gedichtketten


Bierdeckel werden mit Tonpapier beklebt, und mit Gedichtzeilen beschriftet. Anschließend werden die Bierdeckel mit Blumendraht zu Gedichtketten längs oder quer zusammengehängt.
Flüssiges Schreiben ist einfach wichtig
Ohne diese Fähigkeit werden sich unsere Schüler sowohl mit dem Rechtschreiben als auch mit dem freien schriftlichen Formulieren viel schwerer tun als es sein müsste.
Und dann darf nicht vergessen werden, dass es auch für unsere persönliche Autonomie unglaublich wichtig ist, unabhängig zu sein von Strom, W-Lan und elektronischen Geräten.
Wer im Notfall auch fähig ist, sich mit Stift und Papier verständlich zu machen, ist immer Herr oder Herrin der Lage.

