Christina Buchner

IN JEDEM KIND STECKT EIN GENIE

Disziplin ist die Brücke zwischen Zielen und ihrer Verwirklichung

Jim Rohn

Ist Franzi schlimm?

Ist Franzi schlimm?

Täglich gibt es Ärger in der Schule und Franzi wird oft geschimpft. Immer, wenn er etwas weiß, wartet er nämlich nicht, bis die Lehrerin ihn aufruft, sondern platzt einfach damit heraus und stört damit natürlich oft. Das ist ihm selber peinlich und er will das eigentlich auch gar nicht, aber er weiß einfach nicht, wie er sich das abgewöhnen könnte.

Um Franzi aus seinem Dilemma zu helfen, ist es erst einmal nötig, ihn aus der "schlimmen Ecke" zu holen. Das geht am besten in einem ruhigen Gespräch, in dem man mit ihm sein Problem thematisiert, allerdings - und das ist entscheidend wichtig!!! - ohne Vorwürfe und Unterstellungen. So könnte ein Dialog aussehen:

Lehrerin: Gell, Franzi, du weißt ja, dass du immer rausrufst!

Franzi: Ja, schon...

L: Gell, eigentlich willst du das gar nicht, es passiert dir immer, stimmt's?

F: Ja.

L: Ich könnte dir da schon helfen, aber das geht nur, wenn du auch magst. Magst, Franzi?

F: Ja.

L: Als erstes ist es ganz wichtig, dass du merkst, wie oft du uns störst. Gell, das weißt du gar nicht, wie oft das ist?

F: Nein.

L: Also, da machen wir das jetzt so: Ich hab hier ein Glas, und jedes Mal, wenn du rausrufst, werfe ich eine bunte Filzkugel ein. Das mach ich nur, um dir zu zeigen, wie oft das vorkommt. Was meinst, wollen wir's probieren?

F: Ja!

So wird Franzis Glas am ersten Tag aussehen - rappelvoll!!
Am zweiten Tag ist ein deutlicher Fortschritt zu sehen.
Es dauert nicht lange, dann bleibt das Glas leer!

Wenn das Glas am ersten Tag benutzt und sicher auch gut gefüllt wurde, dann sollte es am Ende des Tages ausgiebig  betrachtet werden - aber ohne Vorwurf!! Franzi wird sicher selbst sehr erstaunt sein, wie oft er doch durch Herausrufen gestört hat. Und dann wird das "Schuldenkonto" getilgt, das Glas wird ausgeleert und der nächste Tag beginnt ohne Hypothek.

Wenn Franzi nun am zweiten Tag nicht mehr 10-, 11- oder gar 12-mal stört, sondern nur noch 5-mal, wird er dafür am Ende des Tages ausgiebig gelobt und gefeiert. Das heißt: Er erlebt, dass er ein "guter Mensch" werden kann, auch wenn ihm nicht auf Anhieb der Sprung in die Perfektion gelingt. Und das ist der entscheidende Motivationsschub. Es wird ihm nicht vor Augen gehalten, dass er "immer noch schlimm" ist, sondern es wird gewürdigt, dass er sich verbessert hat.

Das Glas, das auf dem Pult der Lehrkraft steht, wirkte für Franzi als "Dauer-Trigger", der ihn immer daran erinnerte, was er sich vorgenommen hat. Es gelang ihm so wesentlich leichter, seinen Impuls zu zügeln und nicht sofort herauszurufen.

Es wird nicht lange dauern, bis das Glas völlig leer bleibt und die "Disziplinierungsmaßnahme" ging ohne Kränkung, Entwertung und Selbstwertverlust vonstatten.

Ihnen kommt das allzu einfach vor? Dann überlegen Sie doch, was für gewöhnlich passiert, wenn Kinder "aus der Spur" laufen: Ihnen wird gesagt, dass sie etwas falsch machen, sie werden vielleicht sogar geschimpft oder herabgesetzt. "Du schon wieder!" oder "Immer dasselbe mit dir!" sind typische Äußerungen, die einem schwierigen Kind keine Perspektive eröffnen, sondern es eher weiter ins Abseits treiben. Aber Kinder, denen keine Perspektive und kein Weg aus ihrer - wenn auch selbst geschaffenen - "Abseits-Falle" gezeigt wird, schaffen es nur in den seltensten Fällen, allein wieder Boden unter die Füße zu bekommen. Dabei ist es bei Kindern vor der Pubertät noch so einfach, sie für das konstruktive Miteinander zu gewinnen. Der Weg dazu führt aber nicht über Ausgrenzung und Abwertung, sondern über eine klare Ansage, Hilfsangebote und wertschätzenden Umgang. Ist ja eigentlich ganz logisch, oder?


Anstrengung lohnt sich

Lernen ist niemals nur Spaß. Es kann Freude machen. Es kann tiefe Befriedigug verschaffen. Und natürlich kann man auch Spaß dabei haben. Aber das heißt nicht, dass man sich nie plagen muss, dass immer alles mühelos geht, dass man nie auch einmal etwas tun muss, was einem momentan vielleicht gerade nicht so gefällt. Wenn wir mit Kindern ehrlich sind, dürfen wir vor dieser Aussage nicht "kneifen": Lernen kann manchmal ganz schön mühsam und anstrengend sein. Und nur der wird wirklich Lernerfolg haben, der über die unvermeidlichen Tiefen hinwegkommt und vor ihnen nicht aufgibt. Dafür brauchen die Kinder die Hilfe von uns Erwachsenen. Sie brauchen Coaches, die sie begleiten, nicht Eltern als Nachhilfelehrer, die jede einzelne Zeile einer Hausaufgabe aus den Kindern herauskitzeln. Lernen ist ein Take-in-Prozess und kein Bring-in-Prozess.

 

 

Hier sind eifrige Baumeister - kleine und große - am Werk, um die Leonardobrücke zu errichten.